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Der größte Chor der Stadt

Die Kölner AnnenMayKantereit begeistern dreimal in der Olympiahalle

Wenn Henning May dirigierte, sang die Menge mit.

Alle haben sich lieb: Das Trio klampfte seine aus dem Leben gegriffenen Hymnen Seite an Seite.

Drei Mann, drei Konzerte: (v. li.) Christopher Annen, Severin Kantereit und Henning May in der Münchner Olympiahalle. © Martin Hangen

Henning May als Chorleiter gibt ein famoses Bild ab. Der Sänger mit der markanten Stimme steht in weißem Shirt und wahnsinnig kurzer Hose auf der Bühne und dirigiert das Münchner Publikum, das ergriffen die Kölner Kulthymne „Tommi“ schmettert. An gleich drei Abenden hat die Pop-Rock-Band ganz ohne neues Album die Olympiahalle ausverkauft. Natürlich spielt dabei Mays imposante Reibeisenstimme eine Rolle, doch AnnenMayKantereit zeichnet viel mehr aus. Die Songtexte sind aus dem Leben gegriffen und schwärmen nostalgisch vom Vergangenen, ohne jedoch die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Ihre einfach gehaltenen Texte aus dem Alltag gehen schnell ins Ohr und lassen Bilder im Kopf entstehen, die jeder schon einmal erlebt hat. Nicht ohne Grund empfiehlt sogar das Goethe-Institut die Band wegen ihrer Texte als Einstiegsmusik zum Deutschlernen.

An diesem ersten Münchner Konzertabend schaffen es die Kölner trotz der riesigen Halle immer wieder, mit berührenden und behutsam instrumentierten Songs wie „Vielleicht Vielleicht“ die Atmosphäre eines Clubkonzerts zu beschwören. „Nach den ersten fünf Songs sind wir nicht mehr so nervös“, bekennt das Trio danach entwaffnend ehrlich. Vielleicht als Scherz gemeint, scheint bei aller Live-Routine doch ein Stück Wahrheit durch. Lauter Jubel brandet auf, als Gitarrist Christopher Annen bekennt: „Wir arbeiten an unserem neuen Album!“ Das bislang letzte ist bereits drei Jahre her. Er kündigt einige neue Lieder für den Abend an: „Wir nehmen die auf und hören sie uns an und vielleicht schafft es eine der Aufnahmen aufs Album.“ Dafür begibt sich die Band auf eine Nebenbühne, hinter der ein großes Recording-Schild aufleuchtet. Die Halle ist etwas überrumpelt von der unbekannten Musik, klatscht aber binnen kurzer Zeit mit. Im Vergleich zu anderen Konzerten gibt es in München an diesem Abend aber nur zwei neue Songs zu hören. Der Wiesn-Hit „Pocahontas“ sorgt für Auflockerung und lässt die Olympiahalle um die Wette springen. Die Live-Unterstützung durch vier Bläser und Streicher animiert zum Tanzen und nun erheben sich auch einige Fans auf den Rängen.

Im Hintergrund der Bühne laufen auf einem hellen Vorhang schwarz-weiße Liveaufnahmen der Band, die den Retro-Charakter des Konzerts unterstreichen. Showeffekte haben AnnenMayKantereit nicht im Gepäck, und auch die Interaktion mit dem Publikum bleibt verhalten. Dabei gäbe es zu den persönlichen Liedtexten sicher einiges zu erzählen, doch die Songs folgen auf der Setlist oftmals Schlag auf Schlag.

Zu „Ozean“ packen die Fans ohne Aufforderung ihre Handylichter aus. Ein Zuhörer schwenkt zur Belustigung der Band ein rotes Fahrradlicht. „Vielen Dank für die tausend Lichter – und das eine Fahrradlicht“, grinst Henning später. Jetzt passiert, was den Zauber von Livemusik ausmacht: Plötzlich zücken immer mehr Fans statt ihrer Handylampen ihre roten Fahrradlichter und schwenken sie begeistert hin und her. Das rot-weiße Farbenspiel macht den Hit „Barfuß am Klavier“ zum Höhepunkt des Abends. Danach bekommen die Jungs aus der Domstadt zum Durchschnaufen erst mal drei Kölsch serviert. Nach 90 Minuten lässt „Ausgehen“ die Halle ein letztes Mal springen und tanzen. Nachschlag gibt es morgen, wenn die Kölner ihre letzte Show in München spielen.MICHAEL HELLSTERN

Freitag, 2. Oktober 2026
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