Die Schuld unterm Teppich
Ute Manks neuer Roman erzählt von Vergessen und verdrängter Verantwortung
Im Winter ihres Lebens verkauft Dora ihr Haus. Sie gibt die Möbel weg und zieht in ein Seniorenheim in einem kleinen Dorf auf dem Land. Warum? Unklar. Vielleicht wollte Dora, die Heldin in Ute Manks Roman „Und mittendrin der Birnbaum“ ihre letzten Tage einfach im Ort ihrer Kindheit verbringen. Es ist aber auch nicht so wichtig, denn kaum ist Dora in Hausen angekommen, wo immer noch viele ihrer damaligen Nachbarn leben, stellt sie fest, dass alles, was dort zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, mittlerweile gründlich unter den Teppich gekehrt wurde. Und nicht nur das: Auf den sinnbildlichen Teppich wurde auch noch ein massiver Bauernschrank gestellt und in den Schrank jede Menge steinerner Bierkrüge, soll heißen: Wer hier ein Stück Vergangenheit ausgraben will, wird sich schwertun.
Doch Dora wagt den Versuch, den Teppich anzuheben. Etwas lässt ihr keine Ruhe: Vor dem Haus ihrer Kinderfreundin Fanny liegen vier Stolpersteine, für Fannys Eltern und die Geschwister, die als Juden von den Nazis ermordet wurden. Aber wo ist Fannys Gedenkstein? Warum kann sich niemand an sie erinnern? Was ist in Hausen geschehen, als Dora das Dorf längst verlassen hatte?
Ute Mank setzt sich mit Schuld und Verantwortung auseinander und mit der Frage, ob es im Dritten Reich tatsächlich so unmöglich war, bei etwas nicht mitzumachen. Und sie erzählt von dem Mut, den es braucht, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Ihre Geschichte hat Brisanz in Zeiten, in denen sich viele Menschen in Deutschland nach der Freigabe der NSDAP-Karteien genau diesen Themen widmen. Allein: Mank musste die Handlung 15 Jahre in die Vergangenheit versetzen. Heute können die allermeisten Zeitzeugen kein Zeugnis mehr ablegen. Umso wichtiger sind Geschichten wie diese.JOHANNA SCHULTHEISS
Ute Mank:
„Und mittendrin der Birnbaum“. dtv, 336 Seiten; 23 Euro.