Dünne Luft für Hoffnungsträger
Die Politik frisst ihre Talente
Jens Spahn war 22 Jahre alt, als er das erste Mal für die CDU in den Bundestag gewählt wurde. Vom schwarz-grünen Jungspund reifte er zum Finanzstaatssekretär unter Wolfgang Schäuble, war in der Flüchtlingskrise 2015 einer der ersten Merkel-Kritiker aus den eigenen Reihen, durchlebte später trotzdem als ihr Gesundheitsminister die Pandemiezeit, hielt Kontakte in die Reihen der Trump-Republikaner, war noch im Sommer als Unionsfraktionschef einer der mächtigsten Politiker des Landes. Ach ja, zwischenzeitlich hieß es immer mal wieder, er werde irgendwann Bundeskanzler. Seit dieser Woche allerdings ist das unwahrscheinlich. Nach Spahns zweitem Rücktritt innerhalb von Wochen dürfte seine Karriere in der Spitzenpolitik an ihrem Ende sein. Mit 46 Jahren und nach mehr als einem halben Leben.
Dafür gibt es Gründe, die zuallererst bei Spahn zu suchen sind. Er nahm sich schon immer viel raus. Die Leihmutteraffäre und sein anschließender Versuch, sich in den Haushaltsausschuss zu drängen, waren instinktlos bis anmaßend. Dazu kommen die umstrittenen Maskendeals aus der Coronazeit, die er nicht abschütteln konnte.
Man muss kein Mitleid haben mit Spahn, und sich wohl auch keine finanziellen Sorgen um ihn machen. Man sollte aber erkennen, wenn womöglich etwas schiefläuft: Der heutige Politikbetrieb kaut Hoffnungsträger reihenweise durch. Robert Habeck (Grüne), Christian Lindner (FDP), Kevin Kühnert (SPD), nun Spahn – fast alle Lager haben in den vergangenen Jahren einen verloren, auf den sie bauten. Jeden Einzelnen kann man berechtigt kritisieren, kann man mögen oder nicht – das ist auch eine Frage politischer Vorlieben. Sie alle hatten aber unbestritten großes politisches Talent und wertvolle Erfahrung.
Die Politik war immer ein hartes Geschäft. Doch die Häme bis hin zur Bösartigkeit, mit der Politikern heutzutage insbesondere in den Sozialen Medien begegnet wird, gab es früher so nicht. Sie sollen unverstellt und authentisch sein, aber über sie wird gnadenlos gerichtet. Jeder dumme Versprecher, jede Unbeherrschtheit, jeder Jahre zurückliegende Satz kann sie einholen. Und die Zeit der KI, in der man heute schon fast alles fälschen kann, beginnt gerade erst. Die Luft für neue Hoffnungsträger – sie wird noch dünner.SEBASTIAN.HORSCH@OVB.NET