Der Traum von der Transsibirischen Eisenbahn
Reiselustige Leser: Hermann Neidhart mit Frau Ingrid.
Hermann Neidhart aus Neuried ist 78 Jahre alt, als er sich mit seiner Frau Ingrid einen Lebenstraum erfüllte: eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. In sechs Wochen fuhren die beiden in 17 Zügen über 13.000 Kilometer von München über Georgien, Russland und die Mongolei bis nach China. Hier sein Bericht eines großen Abenteuers.
Eine Reise über den Balkan, das Schwarze Meer, durch Russland und die Mongolei bis China sollte es werden! Sechs Wochen später konnte ich mir sagen: „Deinen Traum von der Transsib hast du dir zwar spät, aber dennoch erfüllt!“
Zoll-Schikane in Batumi
Bevor der „Zug der Züge“ in Sicht kam, waren von uns einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Eine Schiffskabine für drei Nächte war nur schwer zu bekommen gewesen. Das bulgarische Fremdenverkehrsamt musste helfend einspringen. Davor Ungarn und Rumänien. Bulgarien mit seinem Fährhafen Burgas, dann das Schwarze Meer, auf dem unser Fährschiff acht volle Stunden auf einen Tanker wartete, der es mit Treibstoff befüllte. Im georgischen Batumi gelandet, suchte der Zoll stundenlang in meinem Reisegepäck herum, um Rauschgift zu finden. „Du hast viel zu viele Schlaf- und andere Tabletten dabei!“, wunderte sich der Beamte. Nachdem mir der Kragen geplatzt war, beendete der Chef der Zollabteilung das unwürdige Treiben und entließ uns nach vier Stunden durch den Hintereingang des Gebäudes.
Mit dem Zug ging‘s nach Tiflis, sodann nach Kazbegi, wo wir die berühmte Gergeti Trinity Church besuchten. Tags darauf wurde es wieder ernst an der Grenze zu Russland: Für unbedarfte Reisende eine Nervenprobe. Wir hatten aber einen gewieften Taxifahrer vom Hotel in Kazbegi bekommen, der uns bei der Ausreise aus Georgien nach Russland behilflich war. In einer Stunde waren wir durch!
Am Bahnhof der ersten russischen Stadt, Vladikavkas, bestiegen wir den Nachtzug. Dieser brachte uns nach Apscheronsk, in dessen Nähe mein Onkel Hermann, 20-jährig, 1942 im Krieg umkam. Uns blieb dort nur Zeit für ein kurzes Gebet.
Deutsche in Saratov
Den nächsten Halt zollten wir den Wolga-Deutschen in Saratov-Engels, wo sie vor rund 250 Jahren ihre zweite Heimat gefunden hatten.
Sehr erfreut über unseren unerwarteten Besuch, machten die Nachfolgerinnen der Deutschen an der Wolga aus ihrer gerade stattfindenden Musikprobe ein vollendetes Konzert mit deutschen Klängen. Fast ungläubig äußerten sie: „Mit euch haben wir echte Deutsche getroffen, zum ersten Mal nach vielen Jahren!“
Frohgemut erreichten wir per Nachtzug Kasan, wo unser Zug sich mit der aus Moskau anrollenden Transsibirischen Eisenbahn treffen sollte.
Endlich: die Transsib
Und so war er endlich da, der Tag, an dem wir voller Freude unseren Traumzug bestiegen: Die Transsib, der erste Zug mit Bordrestaurant. In der Ausstattung kaum ein Unterschied zu anderen Zügen, aber eben einer mit klangvollem Namen. Welch ein Erlebnis! Ich freute mich sehr, hatte seit Jahren immer wieder davon geträumt, und nun hatte es geklappt: Wir fuhren Richtung Baikal-See!
Die größte Stadt Sibiriens, Novosibirsk, war zwar eine attraktive Bahnstation, aber auf der Fahrt dorthin wurde die Suppe aus dem Teller gerüttelt. Der Unterbau der Bahnlinie war streckenweise in arg reparaturbedürftigem Zustand. Selbst das Schreiben des Tagebuchs war fast unmöglich.
Durch ihr berühmtes Akademikerstädtchen Akademgorodok, 20 km außerhalb, ist Novosibirsk über Russland hinaus bekannt. Mit dem Bus Nr. 8 fährt man dorthin. Auf dem Weg zurück besuchten wir das Freiluft-Eisenbahnmuseum und buchten uns in das Bahnhofshotel von Novosibirsk, mit Blick auf die Zugbewegungen von Loks und Wagen, ein.
Die Perle Sibiriens
Irkutsk war das nächste Zwischenziel am Weg der Transsib, nur 65 Kilometer vom Baikal-See entfernt gelegen. Mit der Bahn dauerte die Fahrt dorthin aufgrund zahlreicher Zwischenhalte über drei Stunden. Das Städtchen Slyudyanka hat eine schöne orthodoxe Kirche mit goldenen Kuppeln und vielen Heiligenbildern im Inneren.
Wir rätselten, wie wir unserer kleinen Enkelin einen Geburtstagsgruß über ihre Mutter zukommen lassen könnten, obwohl hier in Russland nichts per E-Post ging. Die drei Damen des Postamts verstanden sofort, als ich ihnen „Happy Birthday“ vorsummte. Wir sollten unsere Glückwünsche direkt in das private Handy der Jüngsten von ihnen eintippen. Die Nachricht wurde sogleich nach München geschickt, die Empfangsbestätigung kam sofort. Eine Bezahlung wurde strikt abgelehnt. Die junge Frau war so glücklich wie wir über ihre erfolgsgekrönte Idee.
Deutsch am Schalter
Der Fahrkartenkauf war generell eine schwierige Sache in Russland. Auch mit der Angabe des Zielorts verstanden uns die Beamten hinter Glas oft nicht. Hinzu kam, dass es zwei Klassen im Zug gab, Großraum-Abteile mit einer Menge Liegen, oder aber „Kupe“ genannte Abteile mit vier Liegeplätzen.
In Irkutsk hatten wir die Seltenheit einer deutschsprachigen Beamtin namens Tatyana an einem Bahnschalter ausgemacht. Auch im Eisenbahnmuseum führte uns eine freundliche Museumsangestellte durch die Ausstellung.
Am nächsten Morgen wachten wir so spät auf, dass wir gerade noch unseren 7-Uhr-Zug nach Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, erreichten. Er fuhr wieder am Baikal-See entlang, der morgens in dichtem Nebel lag, und zweigte bei Ulan Ude von der Hauptstrecke der Transsib nach Süden ab, in Richtung Peking. Bis hierher hatten wir die Uhren mehrfach umstellen müssen.
Nach dem Grenzübergang tauschte ein Geldwechsler im Zug unsere Rubel in die mongolische Währung um. Um Mitternacht konnten wir in Richtung Ulan Bator weiterfahren, wo wir am frühen Vormittag ankamen.
Ex-Kolonie Tsingtao
Gegen Abend machten wir uns auf den Weg zur Bahn in Richtung China. Für die Weiterreise nach Peking war die beste Abfahrt-Möglichkeit um 23.50 Uhr. Die sieben Stunden Fahrt verbrachten wir sitzend teils wach, teils schlafend, die Chinesen über mehrere Sitze hinweg schnarchend liegend.
Die Fengqiao Lu, wo wir das Hotel Huazhu fanden, wurde zu unserer Lieblingsstraße. Mit einem der schnellen Züge besuchten wir die frühere deutsche Kolonie Tsingtao mit der katholischen St. Michaels-Kathedrale. Am Schluss ging es zur Großen Mauer. Der Aufstieg erfolgte über eine Unzahl Stufen. Wegen des diesigen Wetters waren die Wehrtürme nur eingeschränkt zu sehen.
Den zwölfstündigen Direktflug brachten wir völlig übermüdet hinter uns. Um 1 Uhr morgens kamen wir daheim in Neuried bei München an. Erschöpft, aber recht zufrieden über diese einzigartige Reise.
Loks in Novosibirsk.
Momentaufnahme: die Kathedrale in Kasan.
Konzert der Wolga-Deutschen.
Gebet in der Gergeti-Kirche.
Schlafwagen der Transsib.
Schaffner in der Mongolei.