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Ein Deutscher macht Funchal kunterbunt

Meerjungfrauen (Bild r.) & Touristen auf Motivsuche: Türbilder in der Santa-Maria-Straße.

Meerjungfrauen (Bild r.) & Touristen auf Motivsuche: Türbilder in der Santa-Maria-Straße.

Los ging es mit einem nebligen Herbsttag. Wie gut, dass Wolfgang, Künstler aus Mecklenburg, beschloss, ins sonnige Madeira auszuwandern. Er verpasste der Hauptstadt einen Farbrausch.

Ein Herbsttag in Dresden, und Wolfgang Lass hat genug. „Dieses graue Wetter, wo man bei null Grad nur 20 Meter weit schauen kann und trotz Mantel und Stiefel frierend durch die Straßen läuft“, sagt er über den Moment, der alles ins Rollen brachte. Er steigt in die Straßenbahn zum Flughafen und fragt nach dem günstigsten Flug Richtung Süden. Die Antwort ist La Palma. Keine sechs Stunden später landet er bei 25 Grad, blickt über den Atlantik. „Ich fühlte mich sofort angekommen, obwohl ich gar keinen Plan hatte, wie es weitergehen sollte. Aber von dort an fügten sich die Dinge wie von Zauberhand für mich.“

Gut zwanzig Jahre später steht derselbe Mann mit dem Pinsel in der ältesten Straße Funchals. Die Rua de Santa Maria ist keine vier Meter breit und heute eine Freiluftgalerie: Über 200 Haustüren sind bemalt. Eine Meerjungfrau schaukelt vor azurblauem Ozean, ein Mädchen sitzt auf einem Felsen am Meer, dahinter Sardinengeruch, portugiesische Gitarren.

Prinzessinnen & Schrankrückwände

„Mit bereits zehn Jahren hat meine damalige Heimleiterin mich für das Zeichnen begeistert“, erzählt Lass, Jahrgang 1964, geboren in Rerik an der Ostsee. „Sie war in der Lage, in kürzester Zeit wunderschöne Prinzessinnen zu zeichnen, mit wenigen markanten Strichen. Das hat mich fasziniert, und ich begann ihr nachzueifern.“ Seine ersten Gemälde entstanden auf dem, was da war: „auf alten Rückwänden von weggeworfenen Schränken, die ich weiß grundierte und mit Temperafarben bemalte“. Segelschiffe, vor allem.

Bis daraus ein Beruf wurde, dauerte es Jahrzehnte. Koch, Restaurantchef, Schauspieler am Staatsschauspiel Dresden. Dann der Flug. Auf La Palma nimmt er alles an: „Gartenarbeit, Jobs auf dem Bau und Aushilfen jeder Art. Was übrig blieb, sparte ich, um mich irgendwann meiner Malerei widmen zu können.“ Teneriffa trägt ihn zum ersten Mal allein von der Kunst. Marbella, Madrid, Lissabon, Sintra folgen. Dann erzählt ihm jemand von Funchal.


Schlamm bis über die
Türrahmen

Lass kommt im Mai 2010, drei Monate nach der Katastrophe. Am 20. Februar waren an der Wetterstation Funchal zwischen sechs und elf Uhr morgens 108 Millimeter Regen gefallen, Monatsdurchschnitt für Februar: 88. Was in den Schluchten oberhalb der Stadt begann, endete in den Gassen der Zona Velha. 51 Menschen starben, rund 600 verloren ihr Zuhause. „Die Rua Santa Maria stand bis zu den oberen Türrahmen vollkommen unter Schutt und Schlamm und war weitestgehend verlassen“, sagt Lass. Das alte Fischerviertel hatte damals einen schlechten Ruf, und die Inselregierung überlegte, abzureißen und ein zweites Hotelviertel hinzubauen.

Doch dann hat Fotograf José Maria Montero Zyberchema die Idee für ein Kunstprojekt: Die Türen der Stadt in Kunst verwandeln, „artE pORtas abErtas“. João Carlos Abreu, früher Regionalsekretär für Tourismus und Kultur, stellt den Draht zur Verwaltung her, die Farbe und Material bezahlt. Lass datiert seine erste Tür auf Anfang 2011. „Die Nummer 116 in der Rua Santa Maria, sie ist bis heute gut erhalten.“ Damals steht er fast täglich an der Hafenmole, malt und verkauft vor Ort. Nach einem Jahr eröffnet er mit anderen das „Espaço das Artes“, neun Künstler aus fünf Ländern in einem heruntergekommenen Stadthaus. „Unser Projekt war weltweit einmalig und machte die Altstadt Funchals plötzlich zu einem Hotspot für Madeira.“ 2016 wurde das Haus verkauft.

Viertausend Fliesen

Geblieben ist Wolfgang ein zweites Handwerk, das er aus dem Museum zurück an die Fassaden geholt habt. Azulejos, die portugiesische Fliesenmalerei, ist auch auf Madeira präsent: in der Casa dos Azulejos, der Casa-Museu Frederico de Freitas, an der Calçada de Santa Clara, am Café Ritz, an der Markthalle. Mit seiner Frau Anastasyia Ivanova hat er beschlossen, dieses Traditionshandwerk aufblühen zu lassen. Ihr größtes Projekt steht in der Travessa das Torres. „Es umfasst an die 4000 handgemalte Fliesen auf einer Fassadenlänge von 15 Metern und stellt typische Fado-Motive dar.“ Dahinter liegt die Casa Portuguesa, ein Lokal, in dem abends portugiesische Balladen zur zwölfsaitigen Guitarra erklingen. Die Mauer ist neben den Türen ein super Fotomotiv. Und was sollte man sonst noch machen, wenn man in Funchal ist?

Nachmittags geht Wolfgang schwimmen, beim kleinen Fischerhafen an der Fortaleza de São Tiago, dem gelben Fort von 1614. „Der Atlantik ist weiter, größer und wilder als meine heimatliche Ostsee. Er ist auch wärmer und salziger. Ich mag ihn. Außerdem treffen sich dort die Funchaler zum Plaudern.“ Und noch einen Tipp hat er: „In den kleinen Stehbars rund um die Markthalle Hauswein und Essigfleisch kosten und den Alten beim Dominospiel über die Schulter schauen.“ Ach ja, und wer Wolfgang selber mal kennenlernen will, trifft ihn am besten in seiner Galeria Bela 30, ein paar Schritte vom Meer. Schöne Grüße von uns! julitta Ammerschläger

<p xml:space="preserve">Vollblut-Künstler: Wolfgang Lass in der Galeria Bela 30.</p>

Vollblut-Künstler: Wolfgang Lass in der Galeria Bela 30.

<p xml:space="preserve">Wunderschöne Insel: Auftritt einer Folkloretruppe.</p>

Wunderschöne Insel: Auftritt einer Folkloretruppe.

<p xml:space="preserve">Bemalte Türen in der Altstadt Funchals. Wolfgang Lass, Imago/H. Tschanz-Hofmann/Cover-Images/Imagebroker/Chromorange, Zoonar</p>

Bemalte Türen in der Altstadt Funchals. Wolfgang Lass, Imago/H. Tschanz-Hofmann/Cover-Images/Imagebroker/Chromorange, Zoonar

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Bemalte Türen in der Altstadt Funchals. Wolfgang Lass, Imago/H. Tschanz-Hofmann/Cover-Images/Imagebroker/Chromorange, Zoonar

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Bemalte Türen in der Altstadt Funchals. Wolfgang Lass, Imago/H. Tschanz-Hofmann/Cover-Images/Imagebroker/Chromorange, Zoonar

Freitag, 2. Oktober 2026
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